Geht es dir so wie mir, wenn du an den Begriff Karibik denkst? Bevor ich das erste mal auf Curacao war, war es wie ein unerreichbares, unreales Ziel. Karibik war für mich immer das Paradies; Strände mit weißem Sand wie Puderzucker, kristallklares Wasser, ein einzigartiges Lebensgefühl inmitten einer offenen und herzlichen Bevölkerung die einem jedes Alltagsproblem aus den Köpfen zaubert.

Der Gedanke, dass dies alles real werden würde, und das auch noch für ganze drei Monate, kam nicht nur recht unerwartet sondern brauchte auch eine Weile um es realisieren zu können. Ermöglicht wurde es mir während meines Studiums zum Hotelbetriebswirt. Recht schnell war ich mir mit einem Studienkollegen einig, dass wir das Praktikum nicht in Dresden, sondern irgendwo in der weiten Welt und möglichst weit weg von Deutschland absolvieren wollen. Nachdem wir das Stellengesuch unserer zukünftigen Arbeitgeber entdeckt hatten, ging alles ganz schnell. Bewerbung verschickt, Vertrag aufgesetzt, Flüge gebucht und vier Monate später ging es auch schon los.

Anreise und erste Eindrücke

Da die ersten direkten Flüge von Deutschland nach Curacao erst seit dem Jahr 2011 angeboten werden, fuhren wir zunächst zum Berliner Flughafen Tegel. Von hier aus ging es mit der KLM nach Amsterdam. Da Curacao zu den Niederlanden gehört, ist Schiphol noch heute der beliebteste Abflughafen für die Karibikinsel. Nach etwa fünf Stunden Aufenthalt konnten wir endlich die Boing der Martinsair betreten und nach etwa 10 Stunden Flugzeit, mit Zwischenstopp auf der Nachbarinsel Aruba, erreichten wir unser Ziel, Curacao.

Es war bereits am späten Nachmittag und wir wollten nach der Landung nur noch raus, den karibischen Boden unter unseren Füßen spüren, unsere Arbeitgeber kennenlernen und die ersten Eindrücke in uns aufsaugen. Als die Tür vom Flughafengebäude aufging und wir die ersten Palmen sahen, stellte sich schnell ein Urlaubsgefühl ein.

Doch halt, wir waren ja zum Arbeiten hier und nicht um Urlaub zu machen!

A propos arbeiten und karibisches Feeling; irgendwie war niemand da der uns empfing, kein herzliches Empfangskomitee á la Hawaii. Wir sollten uns schnell daran gewöhnen, dass die Uhren hier ein wenig anders ticken. Eine halbe Stunde später hielt ein weißer Jeep vor unseren Füßen und unsere Arbeitgeber, ein deutsches Auswanderpaar aus Frankfurt, stieg aus, begrüßte uns herzlich und entschuldigte sich für die Verspätung mit folgender Erklärung: “Wenn man das Parkplatzgelände nach wenigen Minuten wieder verlässt, bezahlt man keine Parkgebühren”.

Vom Flughafen aus ging es dann in Richtung Willemstad, der Hauptstadt der Insel. Was mir unvergessen blieb, ist die erste Überfahrt über die Juliana Brücke, welche mit 55 Metern Höhe zu einer der höchsten Brücken der Welt zählt. Der Ausblick über die Stadt ist ein absolutes Highlight. Auf der Ringautobahn ging es dann weiter, am historischen Stadtzentrum von Punda vorbei, in Richtung Osten der Insel, zu unserem Appartement. Etwas abgelegen, aber dennoch zentrumsnah, hielten wir an einem kleinen Häuschen, eine Art Reihenhaus mit zwei benachbarten Eingängen.

Das etwas oberhalb der beiden Parkplätze gelegene Gebäude beherbergte zwei Wohnungen. Eines der beiden Appartements bewohnte das Ehepaar und das andere vermieteten sie an Urlauber. Da die beiden zu der Zeit ein Haus, es war ein wahres Luxusdomizil, für ein befreundetes Ehepaar hüteten, vermieteten sie ihre eigentliche Unterkunft an zwei Studenten, aus dem deutsch-niederländischen Raum.

Nach kurzer Zeit waren wie vier jungen Männer fast unzertrennlich, unternahmen unzählige Ausflüge, teilten viele wunderschöne Erlebnisse und ließen uns auch nicht von einem kleinen Buschfeuer sowie einem bewaffneten Überfall vor unseren Appartements verunsichern. Aber an dieser Stelle sei gesagt, der Überfall war selten dämlich provoziert und Curacao zählt zu recht zu den sichersten Urlaubszielen in Südamerika und der Karibik.

Ey Mann, wo ist mein Auto?

Bevor ich in diesen Abschnitt starte, muss ich sagen, dass wir die vier Monate zwischen Bewerbung und Abflug sehr viel mit unseren Arbeitgebern kommuniziert haben. So wurde geklärt, dass wir die Unterkunft gestellt bekommen, sich diese unweit vom Arbeitsplatz befindet und dass wir für den Rest selber aufkommen müssen. Umso überraschender war die erste Frage am nächsten Tag: “Wann holt ihr euer Auto ab? Das habt ihr doch bestimmt schon von Deutschland aus reserviert bzw. gebucht!”. Wir waren etwas verwirrt, da wir nach den ganzen Gesprächen davon ausgegangen sind, dass wir erstmal keins benötigen würden und wir oft gefragt haben, ob man auch vorerst ohne Auto zu unserem Arbeitsplatz kommt.

Aber alles kein Problem, jedenfalls nicht organisatorisch, finanziell war es erstmal ein Schock. Da hier die Uhren eh anders ticken und alles nach dem Motto “Poco Poco”, sprich ganz entspannt, läuft, sind wir erst einmal zu unserer Arbeitsstätte gefahren und haben uns ein günstiges Auto für die Langzeit-Miete vermitteln lassen. Im Nachhinein war es natürlich sehr naiv von uns und an dieser Stelle sei gesagt: Ein Auto auf Curacao ist aus meiner Sicht absolut sinnvoll.

Unsere Arbeitsstätte und erste Aufgaben

Unweit vom historischen Stadtzentrum Punda entfernt, befindet sich der Stadtteil Scharloo. Bekannt ist dieser, ebenfalls liebevoll restaurierte, Teil von Willemstad als Banken- und Finanzdistrikt. Obwohl wir uns nur etwa 10 Gehminuten vom eigentlichen Touristenzentrum Punda entfernt befunden haben, war das nicht der richtige Ort für die Eröffnung eines Restaurants mit der Zielgruppe Touristen. Doch um was handelte es sich bei unserer Arbeitsstätte und welches Ziel verfolgten unsere Arbeitgeber?

curacao-praktikum-reiseberichte-restaurant-eingang
curacao-praktikum-reiseberichte-restaurant-take-away

Der so genannte “Hot Oven” war, tatsächlich “war”, vielmehr ein hochwertiger Imbiss mit Take Away Service und leichtem Touch in Richtung Restaurant. Das Ziel und der Plan der Inhaber war an sich gut nachvollziehbar. Durch die ansässigen Unternehmen gab es ein großes Potential für die Mittagsverpflegung der jeweiligen Mitarbeiter. Es gab die Möglichkeit, das Essen direkt mitzunehmen oder gemütlich vor Ort zu essen. Angeboten wurden Salate, Ovenfladen (ein frittierter Teig mit Belag), die berühmten niederländischen Frikandel, Pommes und belegte Baguettes. Freitags gab es die für Curacao typische Happy Hour und das wöchentliche Highlight “Den Schnitzenabend”. Jeden ersten Montag im Monat fand ein Deutsch-Abend statt, bei dem sich deutsche, befreundete Auswanderer. getroffen und neueste Erlebnisse geteilt haben.

Aufgrund der Zielgruppe waren die Öffnungszeiten sehr praktikantenfreundlich, Montag bis Freitag von 8 Uhr bis 19 Uhr – die Zielgruppe war ja auf den Mittagsservice ausgelegt. Für die erste Woche bestand unsere Aufgabe darin, uns einzuarbeiten und mit den Gegebenheiten vertraut zu machen. An der Stelle muss ich unseren ehemaligen Arbeitgebern meine große Dankbarkeit zukommen lassen. Im Nachhinein hatten wir ein ausgezeichnetes Arbeits-Freizeit-Verhältnis.

curacao-praktikum-reiseberichte-restaurant-terrasse
curacao-praktikum-reiseberichte-restaurant

Die ersten Vormittage gingen wir gemütlich zum Floating Market, einem der Wahrzeichen Willemstads, feilschten dort um frisches Obst und Gemüse, sahen uns ein wenig die örtlichen Gegebenheiten an und brachten alles gemütlich zurück in das Restaurant. Wir halfen ein wenig in der Küche, machten uns mit der Speisenkarte vertraut, bedienten die doch überschaubare Anzahl der Gäste, die den Weg zu uns fanden und waren gespannt auf unsere eigentliche Aufgabe.

“Wir wollen ein Franchise und den Hot Oven weltberühmt machen

Nach der ersten Woche und der Einarbeitung platzte dann endlich die “Bombe”. Im Größenwahn und in der Vorstellung, dass der Hot Oven das ultimative Tool für eine optimale Auswanderung ist, sollte das ganze Unternehmenskonzept überarbeitet und ein Franchise-Plan erstellt werden. “Was McDonalds und Co. kann, schaffen wir doch erst recht!”. Doch was heißt das konkret? Wir sollten eine komplette Unternehmensoptimierung auf die Beine stellen, das Konzept dazu schreiben, alles in einem Dokument zusammentragen und eine Verkaufspräsentation erstellen.

curacao-praktikum-reiseberichte-willemstad-punda
curacao-praktikum-reiseberichte-westpunt-kirche

Für wen war das am Ende gedacht? Wenn du z.b. nach Tahiti oder in die Dominikanische Republik auswandern wollen würdest und Unterstützung oder einen Plan benötigst, könntest du das Konzept auf Franchise-Basis kaufen und du erhälst eine komplette Anleitung mit Rezepten, der Einrichtung, Preisen, Kooperationspartner, Werbemaßnahmen usw..
Für uns war das natürlich mega spannend. Wir hatten freie Hand und konnten nur glänzen. Der Clou an der Sache war, dass wir größtenteils vom Appartement oder einem Ort unserer Wahl aus arbeiten konnten und freie Zeiteinteilung hatten. Wir mussten lediglich einmal die Woche in den Hot Oven fahren um unsere Ergebnisse vorzustellen. Das war ein Leben sag ich euch.

Wir namen die Großmärkte unter die Lupe, optimierten die Einkaufspreise, wir schrieben die Rezepte neu, verbesserten die Produktpalette, wir optimierten die Preispolitik, trafen Werbemaßnahmen und arbeiteten an einer aufwendigen Power Point Präsentation.
Es lief echt super und wir waren trotz vieler Freizeit Feuer und Flamme für das Projekt. Zusätzlicher Ansporn war für uns, dass das ganze Auswanderer-Projekt der beiden eine eigene Staffel von Goodbye Deutschland verdient hätte.

curacao-praktikum-reiseberichte-kokosnuss

Man bekam ja nun einiges auf der Insel mit und viele Auswanderer auf Curacao schlossen schon imaginäre Wetten ab, wie lange das alles gut geht. Vielen war die ganze Sache von Anfang an zu naiv gewesen und die Voraussetzungen der Auswanderung zu wenig durchdacht. Es waren am Ende halt deutsche Auswanderer, die sich dachten: “oh toll, Karibik, das wird schon”.

Wieso drehen wir eigentlich nicht für Goodbye Deutschland?

Doch was macht den typischen Auswanderer aus, der am Ende an der Leichtigkeit des Seins scheitert? Wir hatten das Paradebeispiel. Ein Ehepaar mittleren Alters, wohnhaft in einer manchmal tristen Großstadt in Deutschland. Er gelernter Koch, sie Bürokraft, beide haben wenig finanzielle Mittel und sprechen nur gebrochen Niederländisch; von Englisch, Spanisch oder gar Papiamentu ganz zu schweigen. Hinzu kommt eine doch recht gute Idee aber mangelnde betriebswirtschaftliche Kenntnisse, zu wenig Ehrgeiz und das große Thema “Heimweh”.
Durch die Verständigungsprobleme kam es zu Schwierigkeiten mit den Lieferanten und zu Verträgen, wie z.B. den Pachtvertrag, die so manche lieber nicht unterschrieben hätten.

Nach den drei Monaten mit vielen Neuerungen, eines Anstiegs der Gewinnzahlen und einem recht innigen Verhältnis, tat der Abschied schon schwer. Wir hatten alle Freiheiten der Welt, konnten uns entfalten, hatten die Möglichkeit, die gesamte Insel zu erkunden, haben extrem viel erlebt und drückten die Daumen, dass alles klappt, was sich die beiden vorgenommen haben.
Nachdem wir wieder in Deutschland waren und einige Wochen vergingen, ereilte uns die Nachricht der beiden, dass Sie den Pachtvertrag gekündigt haben und wieder zurück in Deutschland sind.

Und so hieß es am Ende “Goodbye Curacao – Welcome to Germany”

1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Super Seiten und eindrücke in eines der schönsten Inseln der Karibik.
    Weiter so 👍👍👍👍👍👍👍

Menü